Ein Haus und ein Weg


Der Bürger auf dem Balkon, Phantasmen im Behälter

Die Frauenstimme sitzt im Ohr des Bürgers auf dem Balkon.
So machen wir es, genauso. Also springt er mit samt dem Baukörper aus sich heraus.
Die Stimme führt er mit sich, hinein in den Luftraum.
Und er weiß ganz genau so machen wir es, wir machen es so. Seine Hände fassen die Brüstung und er schaut nach.
Er prüft die Beschaffenheit der Blumenerde und befeuchtet sie, anschließend bohrt sein linker Zeigefinger ein tiefes Loch, er setzt einen Samen ein, nimmt die Frauenstimme und kehrt zurück ins Innere.

Der verlorene Tag eines Preisträgers

Im Fernsehen werden die Gewinner bekannt gegeben, ich bin unter ihnen. Bevor ich den Preis abhole, esse ich deftig. Mit vollem Magen fahre ich zum Ort der Preisvergabe.
Der Ort der Preisvergabe ist abseits gelegen. In einem Park warten mehrere Gewinner auf ihren Preis. Ich ziehe eine Wartemarke. Meine Nummer erscheint auf einer Anzeigetafel, darauf hin empfängt mich ein Mann in seinem Büro, und fragt nach meinem Anliegen.
Ich reiche ihm mein Los. Er telefoniert kurz.
Eine Frau kommt in das Büro. Sie trägt einen Bauchladen mit unterschiedlichen Waren. Ich antworte knapp: »Nein ich kaufe nichts«.
Die Preisträger werden in einem einstündigen Fernsehbeitrag der Öffentlichkeit vorgestellt.
Der Gewinn wird innerhalb der nächsten Tage auf dem Postweg zugestellt.

Es ist Mittwoch

Die schwarze Sonne steht schon seit geraumer Zeit am Himmel.
Am Fenster stehend winke ich nach draußen.
Schon bald bildet sich eine Ansammlung von Menschen. Alle winken zurück.
Geschlagene drei Stunden winken wir uns gegenseitig zu.
Erschöpft vom Mitteilen ziehe ich mich zurück.
In mir wächst ein Verlangen, alles für mich alleine zu haben.
Ich lege mich ins Bett und bedecke mich mit einer schweren Decke,
ich bemerke das Fehlen einer Tür.
Unbeachtet der großen Erschöpfung, stehe ich erneut auf und winke zurück.

Zwei enge Stirne im Dialog

Eine enge Stirn steht mit einer anderen engen Stirn im Dialog.
Die Sonne ist ein riesiger schwarzer Kreis, der allmählich im Meer versinkt.
Die eine Stirn hält inne und staunt aus sich heraus, ihre Worte verbleiben im Hals.
»Du stehst mir schon eine ganze Zeit gegenüber«, so die eine Stirn.
»Ja«, antwortet die andere knapp.
«Auf deiner Stirn steht etwas geschrieben, doch weiß ich nicht was. Ich bin des Lesens nicht mächtig.«
Die Sonne schien nun ganz im Meer versunken zu sein, nur noch ein kleiner Teil des prächtigen Körpers ragte heraus.
Die beschriebene Stirn zeigte sich bestürzt über ihre beschriftete Oberfläche, wollte ihre Bestürzung jedoch überspielen. Gleichzeitig schien sie unsicher zu sein, bot sie doch der freien Umgebung nicht wie bisher eine Wand, vielmehr schob sich etwas dazwischen, etwas worüber sie nur zu ahnen vermochte.
Die Sonne, die sonst so gleichgültig gestimmt war, sprach mit ihren letzten Atemzügen zu der staunenden verstimmten Stirn,
«Du, nimm du deine Markierung und geh.«
Und als sie dies ausgesprochen hatte verstummten alle Vögel, das Rascheln in den Bäumen verklang und die Autos fuhren nicht mehr.
Und dann ging sie unter.

Bei grün überqueren wir die Straße. Einer verlässt die Gruppe.
Ihm wurde vor einer Woche ein Bein abgenommen.
Wir kennen uns vom Sehen.
Er setzt sich auf die Verkehrsinsel, um sich auszuruhen.
Wir ziehen ohne ihn weiter.

Das braune Wohnzimmer

Ich erlebe das braune Wohnzimmer, wie nie zuvor frisst es das Lebendige auf.
Die Zeit steht im Raum, sie steht um mich herum.
Das aufdringliche Stehen, und das Sofarunde sich in den Raum fressende, betäubende Dünnkordbraun bringen mich dazu weiter zu sitzen, bequem rückengepolstert geschwungenes Weitersitzen, die Arme auf die dicknähtigen Sesselarmstümpfe tatenlos abgelegt, wohne ich seit mehr als drei Stunden in dieser Haltung, in diesem Sessel, in diesem Zimmer und nehme Teil an dem Fraß.
Alles frisst, der ornamentleibige Teppich schnappt dick und dämlich mit seiner Ornamentregelmäßigkeit in den noch freien Raum.
Die schönfallende Gardine täuscht Nahrungsunabhängigkeit vor, aber auch sie frisst, sie kann nicht anders, als alles mit ihren Falten anzulecken, sie beleckt blumenkelchig den Heizkörper und verdaut in ihren bauchigen Quasten. Die Tapete rankelt ihre Stiele weit über die Wand hinaus und verschlingt die deckenhohe Unendlichkeit.
Ich sinke noch tiefer in meinen Sessel und betrachte mein braunes Wohnzimmer.

Lust verspüren und sich wissentlich in den Finger beißen

Einmal wöchentlich um zwölf werden die Mitarbeiter der Firma H in den Versammlungsraum geladen.
Unter Ausschluss der Öffentlichkeit findet dort das gegenseitige Bemalen der Jacketts statt. Beliebte Motive sind große gelbe Punkte, aufgetragen mit einem Lackstift, oder aber weiße Kreuze und grüne halmartige Striche.

Nachts schlafe ich, vor meinem Fenster steht einer und ruft: »Juchhu, ich bin frei.«
Ich schlafe nicht mehr ein.

Die automatische Tür

Die Öffentlichkeit bedient sich an dem Privaten.
Das private Ich:
Heute ist Schautag, die Familie schneide ich aus der Werbebeilage aus.
Träume, die Kopf an Kopf zusammen wachsen.
Räume füllen, alles urgemütlich finden und den Schuh suchen.
Fahnen zur Eröffnung, Verteidigung des Schlafs.

Ich ohne Punkt und Komma

Ich vermute am Horizont ein Wartezimmer
Ich vermute am Horizont einen Grund

Ich erhoffe mir am Horizont eine Gestalt
Ich erhoffe mir am Horizont eine Leerstelle

Ich wünsche mir am Horizont ein Haus
Ich wünsche mir am Horizont eine Haltelinie

Ich erwarte am Horizont eine Vermutung
Ich gründe eine Reisegesellschaft mit beschränktem Horizont

Buchstäblich, bildhaftig

Auf einem Platz stehen Denkmäler zusammen mit Büschen.
Zwei Häuser wenden sich der untergehenden Sonne zu und fallen in Melancholie.
Zwei Sprechblasen sprechen miteinander.
Ein Pfeil, auf dem Stop geschrieben steht.
Ein Zebrastreifen ins Irgendwo hinführend.
Ein Zimmer welches denkt.
Im Krieg der Stellvertreter.
Ein Platzhirsch auf einem Platz.
Ein Stück Himmel, nachträglich dazu gemalt.
Eine Sammlung bestehend aus Bildern, die Wege abbilden.
Ein Haus, auf dem Haus geschrieben steht.
Eine Wohnlandschaft mit Menschenschatten.
Eine Anlage, auf das Denkmal wartend.
Fußgängerübergänge und deren Fußgänger.
Weiße Linien auf dem Boden, zur Beruhigung.
Skulpturen mit Höhepunkten.
Ein Haus und ein Weg, in der Mitte des Bildes.
Ein Stück Schwäche in grüner Farbe.
Dem soeben eingefügten Himmel sollte mehr Beachtung geschenkt werden.

Pilger verlassen das Haus, zeitweise kehren geläutert zurück

Bisweilen mag ich es jeden Tag die gleichen Dinge zu verrichten.
Auf meinem Weg passiere ich etliche Haltestellen.
Bei Nummer 56 sitzt ein junger Mann in seiner Wohnung,
auf dem Tisch ein Glas Orangensaft.
Eine Zeit ist vergangen und der junge Mann hat mein Vertrauen.
Ein gemeinsamer Urlaub steht vor der Tür.
Als ich den jungen Mann abhole, ist er noch nicht fertig,
sodass ich ihm beim Packen helfe.
Wir erreichen Moskau und buchen mehrere Zimmer.
Moskau wirkt erhaben auf mich und der junge Mann
und ich sind aufeinander angewiesen.
Schnell wird die Nähe unerträglich und ich kann keinen Raum mehr betreten, ohne daß ich hinterher feudle.
Das Erhabene wird lächerlich und das Romantische wird grau.
Ich reise ab um Zuhause einer geregelten Tätigkeit nachzugehen.

Ohne Titel

Ich bin nicht müde,
ich bin los,
bewege mich über die Erde, laufe 40 Kilometer,
wenn ich will, auf offener Straße.
Da ist ein Hinweis, dem werde ich folgen.
Ich treffe auf die für mich bestimmte markierte Fläche.
Wer weiter weiß, der geht.
Ich bin disco und gehe auch.
Melde mich zurück in den einfachen Landschaften.

Das Bild schneit

Erfolgreich die ganzen Vorfälle der letzten Woche wegbeobachten.
Einfälle herbeischauen.
Den alten Wald links liegen lassen, den Neuen für gut heißen.
Es funktioniert.
Gräue vor die unliebsamen Gedankenräume schieben.
Dann einen Tag lang geradeaus gehen um zu erfahren wo dieser Wald endet und ein anderer Wald beginnt.
Die aus dem Himmel ragenden krustigen Beine im Boden zur Ruhe kommen lassen und ihnen zuflüstern was man selbst nicht weiß.

Möbelchor

Person Z soeben zum Bewohner bestimmt, räumt ein,
kühles Stahlrohr eigne sich nicht für die Seele und das Wohlbefinden kranker Menschen.
Er verlässt den Raum.
Länglich liegt der Flur vor der Tür, traurig und treu.
Die Wohnung ist nun alleine, die Möbel sammeln sich.
Es schweigen die Handvoll Objekte des schnellen Zugriffs.
Die Möbel tönen auf u.
Stühle wenden sich ab und lösen sich aus dem Ensemble, Kastenmöbeln sind eingebaut.
»Wir wollen den Bewohnern das Leben erleichtern« so der Möbelchor.
Insbesondere junge Mütter verbringen viel Zeit zu Hause.
Deshalb sollte die Gemütlichkeit des Heimes oberste Priorität sein.
Möbel singen eine Volksweise.
Eine Mutter wurde eingefügt, sitzt auf einem Stuhl.
Sie sitzt entspannt und kommt leicht aus dem Sitzen in den Stand.
Ihre Füße erreichen den Boden bequem.
Der Bewohner Z ist unterdessen gänzlich abhanden gekommen.
Die Möbel singen schön.
Der mehrstimmige Kanon ist ein nahe liegendes Ziel.

Möbel am Baum

Eine am Gebrauchswert orientierte Umwelt findet keinen Ausweg mehr.
Der allerweltsschöne Geschmack und der Indivualitätszwang positionieren sich und sortieren aus.
Möbel werden ausgesetzt.
Tische, die waren Verwandlungskünstler, verlieren ihr Gesicht.
Sterben am breiten Angebot.
Am Straßenrand, etliche Möbel, meist am Fuße eines Baumes.
Ich kniee nieder, nieder vor dem Möbel, nieder vor dem Baum.
Das Möbel schaut mich an wie ein ausgewildertes Tier.
Künstliches Holz sucht Kontakt zum Baum.
Ich muss mich setzen, ich sitze auf dem Stuhl.
Er zwingt mich in seine Haltung.
Ich richte mich ein.
Sitze und das ist meine Tätigkeit, ich sitze zu lange, sitze unmodern, sitze vergeblich.
Was meinst du sollten wir uns trennen?
Zögerndes »ja«.
Ein Telefontischchen nickt mir von der anderen Straßenseite zu.
Ich bedauere meine Hilflosigkeit, bedauere die geschnörkelten Beine im Hundekot, bedauere, mir die Haare gefärbt zu haben.

Regalsysteme

Regale sind Regale, sind Wohnleitsysteme.
Sie wachsen.
95 mal 22 mm starke Bretter werden zunächst stumpf zusammengedübelt,
und mit einer Füllung aus weißer Hartfaserplatte versehen.
Regale sie wachsen.
Sie sind die Hilfestellung beim Ablegen und Systematisieren.
Ihre durchlaufenden Bretter betonen die Orientierung eines Raumes zum Fenster hin.
Regale, das bedeutet auch mit sicherer Hand die Welt draußen und das Erlebnis drinnen in Einklang gebracht.
Sie helfen den zahlreichen Kleinteilen, denn sie verstauen diese unsichtbar.
Regale sind symmetrisch.
Sie sind die beste Tarnung für Heizkörper.
Auf ihren Brettern wirken die bunten Bücherrücken persönlicher noch als jede gemusterte Tapete.
Aus Regalen werden Regale.
Regale wachsen, Regale sind eine Hilfestellung zum Ablegen und Systematisieren.

Die räumliche Fixierung, leben in begriffen

Ein Tag entfaltet sein Potenzial,
arbeiten bilden freizeit wohnen.

Die Aufgabe einer Gesellschaft ist das Verwalten und Organisieren ihrer Wörter,
arbeiten bilden und freizeit
freizeit bilden wohnen
wohnenbilden bildenfreizeit freizeitwohnen
bilden.

Begriffe treiben nicht.

Wohnen ist räumlich fixiert,
im Raum inbegriffen.

Wo sonst etwa ein raumgliederndes Element zwischen Boden und Decke eingespannt ist, erhebt sich hier ein Berg, dieser kann in der Freizeit bestiegen werden.
Für die gesellige Unterhaltung schafft das offene Feuer die behagliche Atmosphäre. Das Feuer gruppiert sich ein zwischen Arbeitsbereich und Wohnbereich, wird von zwei blauen Teppichen vorbereitet.

Das Einziehen einer leichten Zwischenwand, trennt von einem großen Zimmer einen schmalen Streifen ab, und bereichert um die neugewonnene Enge.

Begriffe weinen nicht, kooperieren nicht, begreifen nicht.
Der Tag endet im bunten Abend.

Bereiten vor und nach

Das was man heute kann erledigen, verrichten, verpflichten.
Ich krempel’ mich hoch, begrüne den Vorplatz, zielorientiert.
Räume hin und her, ein, weg,
räume auf, stelle hin, stelle ab.
Was man nicht mehr schafft, wenigstens vorbereiten.
Doch wenn es widerstrebt, der Bereitung widersteht.
Dann alles nach der Reihe,
müde sind wir, müde ist leicht genug.
Wieder anschachteln, ausschachteln.
Erreiche letztendlich das vollkommene Stehengelassene.
Der plötzliche Wille zum verstopften Abfluss, der Wille zum verrotteten Obst überlässt mich der Anhäufung.
Essen und Zustimmen.
Die persönliche Katze beißt sich in den Mund,
sich gehen lassen.
Im stehen gelassen werden.
Ausdauern, Aussitzen,
sich befinden.
Wer nicht will der hat schon, die anderen auch
dann geht es weiter,
weiter, weiter wie bisher.

"Ein Haus und ein Weg", Fotografie, Text, 2009